Im eigenen Sein ein anderes Sein erfahren

Die Welt bietet allen Lebewesen grundsätzlich ideale Bedingungen. Der „Garten“, in dem wir leben, unsere Welt, verfügt über viel fruchtbaren Boden. Alle Nährstoffe und ausreichend viel Wasser sind stets verfügbar. Die klimatischen Bedingungen könnten bessere nicht sein, und die benachbarten Lebensräume ergänzen und bereichern den eigenen.

 

In dieser zweifellos vom Grundsatz her idealen Welt werden wir zuerst erkennen, dass wir als Menschen „Kinder“ dieser idealen Lebensbedingungen sind. Zweitens bemerken wir (nahezu täglich), dass sich unter diesen idealen Bedingungen dennoch kein durchgehend friedliches Leben ereignet. Irgendwo wirkt unaufhörlich irgendwie etwas Störendes, das die vermeintlich ideale, gleichgewichtige Ordnung allen Lebens durcheinander bringt. Es kommt, in allen Variationen und Abstufungen, zu Krankheit, Sterben und Tod, die auch uns Menschen herausfordern. Auch sie gehören, recht besehen, zur Natur. Wenn man das nicht erkennt, verkennt man die Welt wie sie ist.

 

 

Darum: So ideal die Voraussetzungen auch sind, würde es auf Erden nicht gut zu leben sein, wenn das nicht von pflegender Aufmerksamkeit begleitet wäre. Pflege gleicht aus, was durch die Kräfte der Natur und das Handeln der Menschen am Leben beschädigt wurde. Es entspricht der Urgeste des Gärtnerns, dass über gute Lebensbedingungen gewacht wird, dass alles dafür getan wird, dass Leben sich entfalten kann und die Grundlagen dafür erhalten bleiben. Das gilt gleichviel für das Gärtnern im direkten (Anbau und Ernte von Pflanzen), wie auch im übertragenen Sinne (Verantwortlicher Umgang des Menschen mit dem Leben und seinen Grundlagen, auch und besonders im Dienst für andere). Wenn und wo wir uns der Aufgabe der Pflege der Welt bewusst sind, sind wir uns unserer selbst mitweltlich bewusst. Das entspricht einer Einstellung, die jedem von uns zu eigen ist – wenn man uns denn lässt, bzw. uns diese Einstellung (durch fragwürdige Belehrungen) nicht genommen hat.

 

 

Dem Menschen kommt aufgrund seiner Fähigkeit zu freien Entscheidungen aus „Einsicht und Weisheit“ im Weltganzen eine besondere Bedeutung zu, denn er kann aus eben diesem Antrieb, also selbst gewollt, für anderes und andere Verantwortung übernehmen. „Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt – dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.“ (Johann Wolfgang von Goethe „Berliner Ausgabe.Kunsttheoretische Schriften und Übersetzungen“ [Band 17–22], Band 19, Berlin 1960) Die so übernommene Verantwortung kann soweit gesteigert erlebt werden, dass das Sein eines anderen Wesens mit dem eigenen Sein zusammenfällt. Der Mensch kann darum von sich sagen, dass er für etwas oder jemand anderen „da ist“ – was mehr bedeutet, als eine übernommene Verantwortung. Im eigenen Sein ein anderes Sein zu erfahren und daraus zu handeln, entspricht der wichtigsten und besten Fähigkeit von uns Menschen. Unser Verhältnis zur Welt, in das wir schlicht involviert sind, ist, das sei nochmal betont, ursprünglich in allem dafür veranlagt. Als Gesinnung für den Umgang mit der Welt Mitweltlichkeit auszubilden, bedeutet demnach, dass wir in gewisser Weise zu uns selbst gelangen, denn zum Erleben allen Seins im eigenen Sein sind wir als Menschen bestimmt!