Gemeinschaft und Gemeinsamkeit

Über die Herkunft des Menschen finden sich in verschiedenen Mythologien und Religionen aller Zeiten und Kulturen Vorstellungen, die von einem Ur-Elternpaar bis zu dem einen, unverwechselbar einzigartigen Menschen der Jetztzeit reichen. Dabei kam der konkreten Abstammung eines jeden Menschen von einer Mutter und einem Vater eine unterschiedliche, in früheren Zeiten eher untergeordnete Bedeutung zu.

 

Eine Kernfamilie, also die Gemeinschaft von Mutter, Vater und Kind(ern), war lange nicht so wichtig wie heute. Erst mit der Entwicklung des Bürgertums und den mit der Industrialisierung einhergehenden Veränderungen der Gesellschaft wurde der Familienbegriff eng mit Vorstellungen der konkreten Abstammungsbeziehungen im biologischen Sinne verbunden. Vor diesem Hintergrund formten sich schließlich jene kleinen, eng zusammenlebenden Menschengemeinschaften, die wir heutzutage in großen Teilen der Welt als „Familien” bezeichnen. Gegenwärtig spricht manches dafür, dass sich dieses bürgerliche Familienbild wieder auflösen könnte, um einem Verständnis von Herkunft und Einbindung in generationenweite Beziehungen Raum zu geben, die über die bloß biologische Abstammung hinausreichen. In gewisser Weise würden wir uns damit wieder dem nähern, was in früheren Zeiten noch galt.

Vor Jahrhunderten und Jahrtausenden erlebten die Menschen das soziale Geflecht ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Menschengemeinschaft nämlich noch viel weitergefasst als wir Heutigen. Wichtiger als die Familie im Sinne der biologischen Herkunft war der Stammeszusammenhang. Die Bedeutung vorangegangener und folgender Generationen ergab sich darum nicht bloß aus der Erfahrung der eigenen Identität zwischen Großeltern und Eltern auf der einen Seite sowie Kindern und Kindeskindern auf der anderen. Dieses Wissen um die eigene Herkunft und Abstammung diente eher als Schlüssel zum Verständnis von viel weiter reichenden Verbindungen mit den Entwicklungs- und Einflusssphären einer Person. Auch die Weitergabe des Lebens aus dem Zusammenkommen zweier Menschen wurde mythologisch lediglich als kleinste Etappe auf dem Weg des Gegenwärtigwerdens des Menschen in einer großen, gottgewollten Kosmogonie verstanden: jeder einzelne Mensch galt als Vervielfältigung des einen, ersten Menschen, in dem Gott selbst einst ebenbildlich erschien.

Das Geborenwerden, Leben und Sterben der vielen Menschen nahm sich aus wie der Strom einer unablässigen Menschwerdung, die sich seit Jahrtausenden ereignet. Von Generationen begann man zu sprechen, indem man einerseits das gegenwärtige Leben von Menschen bewusst von dem der Vorangegangenen und Folgenden unterschied, und andererseits auch, um den Zusammenhang mit kulturellen Besonderheiten, Verdiensten und Verlusten enger zu fassen. Damit trat zum teleologischen Verständnis der gottgewollten Schöpfung und dem kausal verstandenen Aspekt der biologischen Abstammung noch ein Drittes hinzu, nämlich dass man nun auch das Verhältnis des Menschen zu den Folgen seines Handelns in der Welt generationenweit zu verstehen begann. Das wurde religiös verdichtet und führte zu Vorstellungen einer kollektiven, über eine bestimmte Zahl von Generationen reichenden Verantwortung 2 bis zur Darstellung besonderer Stammbäume, aus denen Königinnen und Könige, ja sogar der Sohn Gottes selbst hervorgegangen sind.

Der Theologe und Philosoph Wilhelm Dilthey beschäftigte sich Ende des 19. Jahrhunderts damit, dass sich das Charakteristische des menschlichen Lebens nicht nur naturgesetzlich erklären lässt, sondern dass dafür ebenso auch die besonderen Bedingungen des geistigen Lebens und der Biografik berücksichtigt werden müssen. In diesem „Lebenszusammenhang” haben, so Dilthey, auch alle verschiedenen Systeme der Metaphysik ihren Ursprung. Generationen verstand er darum als „einen Kreis von Individuen, welche durch Abhängigkeit von denselben großen Tatsachen und Veränderungen, wie sie im Zeitalter der Empfänglichkeit auftraten, trotz der Verschiedenheit hinzutretender anderer Faktoren zu einem homogenen Ganzen verbunden sind."

Dass es sich bei den in einem bestimmten Zeitabschnitt lebenden Menschen um eine Gemeinschaft handelt, die bestimmte Erfahrungen miteinander teilt, steht außer Frage. Aber gibt es auch Handlungsmaximen, Vorlieben und Charakteristika, die einer Generation essenziell zu eigen sind, noch bevor gemeinsame Erfahrungen existenziell prägend gewirkt haben?

Der Beantwortung dieser Frage wollen wir näher treten, indem wir zwischen dem Allgemeinmenschlichen und dem Individuellen eine Ebene des kollektiven Bewusstseins annehmen, die für das Verbundensein von Menschen einer Generation maßgeblich ist. Sie erschöpft sich nicht im Sinne der biologischen Abstammung, denn es geht in ihr um Ideale, Vorstellungen und Werte, die potenziell allen Menschen gemeinsam sind, auch wenn für sie keine direkte Verwandtschaft besteht. Es geht um die Präsenz und Wirkung eines besonderen, unverwechselbaren Kolorits, das in einem begrenzten Zeitraum für das Erleben, Entscheiden und Handeln von Menschen kennzeichnend ist. Nennen wir es die Lebenskraft einer Generation.

 

(Auszug aus meinem Buch »Sieben Generationen «)