Zwei einfache Fragen können zu interessanten Erfahrungen leiten. Wenn man diese Fragen in eine kleine Übung bettet und immer mal wieder durchdenkt, verändert sich das Verhältnis zur Mitwelt auf eine ganz sinnvolle Weise. Probieren Sie es aus!
Stellen Sie sich zunächst vor, Sie würden sich von außen betrachten wie einen anderen Menschen: Dann können Sie sich jetzt, bei geschlossenen oder geöffneten Augen, in Ihrer Vorstellung vor sich sehen. Nun sehen Sie davon ab, dass Sie Frau oder Mann sind. Weg damit! Ignorieren Sie ihr Alter. Vergessen Sie für einen Moment Ihren Beruf, Ihre Nationalität, die Tatsache, dass Sie Mutter oder Vater sind. Lassen Sie die augenblickliche Stimmung unberücksichtigt, ebenso Ihre Erinnerungen und Ahnungen. Befördern Sie aus Ihrer Aufmerksamkeit für einen Moment alles heraus, was sich auf Ihre konkrete Biografie, auf gemachte Erfahrungen und Prägungen bezieht. Und nun die erste Frage: Wer sind Sie? Die Antwort wird jetzt schlicht und einfach sein: Ein Mensch!
Das, was Sie nun vor sich sehen bzw. erleben, ist ein Lebewesen einer bestimmten, eben der menschlichen Art. Sie haben diesen Eindruck nun unverstellt, weil Sie sich vorher von allem befreit haben, was an Alltäglichkeiten einen Menschen zu einer konkreten Person macht. Durch Aufgaben, Erfahrungen, biologische Prägung, Freuden und Leiden zeichnet sich ein Mensch aus, der Emil, Christiane, Maria oder Willi heißen könnte. Diese „Alltäglichkeiten“, ich ordne sie dem von mir so genannten Bereich des Existenziellen zu, umgeben den eigentlichen Menschen, der wir alle sind. Darin eingekleidet, also hinter einer Fassade verborgen, ist der Mensch zu finden, wenn und wo wir zu ihm durchdringen. Das haben Sie soeben getan. Sie haben einen ersten, zarten Eindruck von dem gewonnen, was die Antwort „Ein Mensch!“ bezeichnet. Versuchen Sie sich das jetzt so klar wie möglich zu machen. Versuchen Sie vor diesem Hintergrund sich selbst als einen Menschen, und nur als das zu erleben. Fühlen Sie: „Ich bin ein Mensch!“ Dann frage ich Sie jetzt – zweitens – daran anschließend: Was wollen Sie damit bewirken?
So sehr Sie über diese zweite, ebenfalls sehr einfache Frage erstaunt sind, so sehr können Sie versuchen, ihre Dimension zu erleben. Sie begegnen dieser Frage jetzt nicht als Mutter, Zimmermann, Landwirt oder Ärztin – von dem allen haben Sie sich für diesen Moment ja befreit. Sie sind jetzt für einen Augenblick weder Mann, noch Frau, keine Großmutter und kein Student, sondern einfach nur „Mensch“. Und nochmal: Was wollen Sie damit bewirken?
Ihnen wird diese Frage, jetzt, in diesem Zusammenhang, wahrscheinlich als nicht sehr passend erscheinen. Aber ich will Ihnen helfen. Es gibt Situationen, in denen Sie den ersten Teil der Übung nicht extra absolvieren müssen. Das sind Momente des alltäglichen Lebens, in denen alles Existenzielle plötzlich seine Bedeutung verloren hat, in denen es auf nichts Besonderes mehr ankommt. Zweifellos sind das, auch wegen ihrer befreienden Wirkung, ergreifende Momente. Die kennen Sie ganz sicher. Erinnern Sie sich: Wie war es als Sie bis über alle Ohren verliebt waren? Erinnern Sie sich an einen frischen, sonnigen Urlaubsmorgen? Haben Sie sich in der Nähe eines Menschen schon mal so richtig wohl gefühlt? Ist Ihnen schon einmal plötzlich, vielleicht nach langer, intensiver Überlegung, die Antwort auf eine wichtige Lebensfrage klar geworden? Für die Erfahrung solcher Augenblicke haben wir besondere Worte: Liebe, Glück, Geborgenheit, Erleuchtung... Das Bemerkenswerte an diesen Begriffen ist, dass sie sich auf Erfahrungen beziehen, die man nicht wirklich und umfassend in Worten beschreiben kann. Man hat diese Erfahrungen oder man hat sie nicht! Hilfreich für ihr Verständnis ist nicht, dass sie jemand erklärt, sondern dass einem Wege dafür aufgezeigt werden, sie selbst zu machen. Sie beziehen sich auf das essenzielle Welterleben, das zugleich, von allem Existenziellen befreit, die ungetrübte, total ergreifende Erfahrung beinhaltet: Ich bin ein Mensch!
Erstaunlicherweise liefert die Erfahrung des Essenziellen zugleich die Antwort auf die zweite Frage. In Worten lässt sich auch diese Antwort nicht oder nur sehr schwer ausdrücken. Aber sie ist klar und unmissverständlich. Die Beziehung der Liebenden (z.B. zwischen Eltern und Kindern) zueinander beinhaltet eine klare Erfahrung davon, was ein Mensch als Mensch bewirken will. Und wenn Glückliche so hochgestimmt sind, dass sie dann die ganze Welt umarmen könnten, ist das ein guter Beleg dafür, dass die ansatzweise reine Erfahrung des Essenziellen zugleich eine der absoluten Verbindung mit allem was ist beinhaltet.