In einer Welt, in der wider alle Vernunft tagtäglich unendliches Leid hervorgerufen und verstetigt wird, nur um sehr banale, materielle Bedürfnisse in immer größerem Umfang zu befriedigen, will tatsächlich niemand wirklich leben. Trotzdem schaffen wir diese Verhältnisse durch unsere Lebensart – auch Sie und ich – immer wieder und wieder, denn wir alle profitieren vom Ineinandergreifen aller Funktionen dessen, was Lewis Mumford als Megamaschine bezeichnet hat. Unsere Art zu leben wäre heutzutage anders gar nicht mehr möglich.
Wenn wir uns vor Augen führen, in welchen Zustand wir Menschen unsere Mitwelt versetzt haben, können wir uns fragen, ob wir das alles so gewollt haben. Vermutlich werden Sie diese Frage verneinen. Das bedeutet, dass unsere Zivilisation das Ergebnis von Gedanken ist, die keine Verbindung mit dem Willen, mit unseren wirklichen, tieferen Absichten haben. Das war nicht immer so, weder bezüglich unserer selbst (Kindheit) noch bezüglich früherer Zeiten menschlicher Kulturentwicklung. Zweifellos wäre es wichtig, den eingetretenen Mangel zu beseitigen. Aber wie?
Für das Erleben eines sogenannten negativen Leistens (in der äußeren, gegenständlichen Welt wird direkt nichts verändert) haben wir kein gutes Sensorium. Und weil unser alltägliches Leben nur auf ein sehr einseitiges (nämlich positives) Leistungsziel ausgerichtet ist, deuten wir negatives Leisten schnell als Faulheit, als wertlos und grundsätzlich nicht zielführend. Das ist vordergründig durchaus nachvollziehbar und verständlich. Dennoch wird man zuletzt nur die eine Seite unseres Lebens als Ausdruck positiven Leistens verstehen können, denn auch die andere Seite liegt für unser Verstehen gar nicht so fern. Neben der gelegentlichen, physiologisch notwendigen Rücknahme unserer Aktivitäten (Pause, Ruhe, Schlaf…) zum Zweck der Regeneration gibt es jene Augenblicke und Phasen in denen wir instinktiv innehalten, um uns vor einem Entschluss oder einer Tat für einen Moment zu besinnen. In solchen Momenten verändert sich „etwas“, zuerst in uns, wobei unser aktiver Anteil zunächst nur darin zu bestehen scheint, die Besinnung eintreten zu lassen und ansonsten in relativer Ruhe zu verharren. Sie kennen das und wissen bestimmt genau, was ich meine.
Nun, es gibt eine schier unübersehbare Fülle von Angeboten an Workshops, Trainings und Techniken, die darauf ausgerichtet sind, die erschöpften und ermüdeten Menschen der Jetztzeit wieder zur Ruhe zu bringen. Ambitioniert – ob vor esoterischem oder therapeutischem Hintergrund – wird eine Klientel bedient, die von sich weiß, dass das Maß des Genug für sie überschritten wurde. Viele Angebote führen zum versprochenen Ziel. Die Beruhigung wirkt. Krankheitszustände werden geheilt. Dennoch wissen wir bislang nur sehr wenig darüber, was und wie wirksam ist, wenn wir scheinbar einfach mal nichts tun. Jüngste Forschungsergebnisse zeichnen ein unerwartetes Bild: „Die Bereitschaft zum Loslassen und das Gehen neuer Wege bedingen einander. Erst der Wille, ineffektive Handlungsweisen abzubauen, überlebte Daseinsbereiche zu verlassen, Abbau- und Sterbeprozesse zu akzeptieren, gibt den Raum zu individueller Daseinsgestaltung. […] Die Fähigkeit, bewusst passiv bleiben und sich Aktivitäten versagen zu können, ist ein Vorzug des Menschen gegenüber anderen höheren Lebewesen. Ruhe und Passivität sind nicht von selbst gegeben, sondern sind aktive Leistungen. […] Das wird eindrucksvoll durch Hirnscans unterstrichen die zeigen, dass der Ruhezustand mit vermehrter physiologischer Aktivität im Stirnhirn einhergeht. Im Ruhezustand werden beim Menschen erhöhte Stoffwechselaktivitäten im Vorderhirnbereich gemessen, die Ausdruck einer verstärkten neuronalen Inhibition sind. So zeigt das PET im Ruhezustand eine vermehrte Durchblutung der vorderen und eine verminderte der hinteren Hirnhälfte.“ (Hans Jürgen Scheurle: Das Gehirn ist nicht einsam – Resonanzen zwischen Gehirn Leib und Umwelt, Stuttgart 2013).
Ich kann und will hier nicht ausführlich erklären, warum gerade das bewusste Lassen, also das bewusste negative Leisten für unser Leben und Überleben so bedeutend ist, sondern zunächst nur auf zweierlei hinweisen, nämlich darauf, dass es erstens typisch menschlich ist, so etwas überhaupt zu können, und dass wir es – zweitens – mit einem Bereich zu tun haben, den wir noch zu wenig kennen, der aber inmitten unserer durch den gefährlichen Überfluss gefährdeten Welt von entscheidender Bedeutung sein könnte – und das nicht nur qualitativ, sondern ganz existenziell. In diesem Sinne: Lassen ist menschlich. Versuchen Sie es!