Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie

Wenn wir uns Gedanken über die Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie mach, geht es wohl zunächst um die Erde, deren Landfläche etwa 13,4 Milliarden Hektar (etwa 26 Prozent der Gesamtoberfläche von 51 Milliarden Hektar) umfasst, wovon 3,3 Milliarden Hektar Weideland und 1,5 Milliarden Hektar Ackerland sind. Das bedeutet, dass für den Anbau unserer gesamten pflanzlichen Nahrung nur 3 Prozent der Erdoberfläche zur Verfügung stehen. Ganz konkret entspricht das einem Weltacker, mit einem begrenzten Anteil von etwa 1800 qm für jeden derzeit lebenden Menschen. Tatsächlich nutzen wir in Deutschland aber pro Kopf 2700 qm, was bedeutet, dass wir mit unserer Lebensart für andere Menschen Armut und Hunger bewirken.

Hinzu kommt der ökologische Fußabdruck, der sich aus der gesamten Lebensart, nicht nur aus dem Verbrauch von Lebensmitteln, ergibt und aus dem Verhältnis zur gesamten Landfläche der Erde errechnet wird. Insofern lassen sich jedem Menschen rund 1,8 globale Hektar zurechnen, wobei der durchschnittliche Fußabdruck eines in Deutschland lebenden Menschen aber bei 4,72 globalen Hektar liegt.

 

Im Verlauf der industriellen Revolution hat sich in den vergangenen 200 Jahren auch die Landwirtschaft stark verändert. Einschneidend wirkte Mitte des 19. Jahrhunderts die Erfindung der künstlichen Düngung durch Justus Liebig und der sukzessiv ansteigende Einsatz von Ackergiften. Zwischen 1873 und 1913, also in nur 50 Jahren, nahm die landwirtschaftliche Produktion dadurch um 90 Prozent zu. Als dann ab 1917 relativ leichte und kostengünstige Traktoren verfügbar waren, gab das der Industrialisierung der Landwirtschaft einen weiteren Schub.

 

Kleinbäuerliche Betriebe begannen immer schneller zu verschwinden. Immer größere Flächen konnten mit immer weniger Menschen bearbeitet werden. Hinzu kommt die Globalisierung der Liefer- und Verarbeitungsketten. Im Bericht Geld und Nachhaltigkeit des Club of Rome aus dem Jahr 2013 wird der Widerspruch von Resilienz (Nahwirtschaft) und Effizienz (Fernwirtschaft) ausführlich analysiert, und es wird festgestellt: Je effizienter ein Arbeits- oder Produktionsprozess ist, desto weniger resilient ist er. Kleinbäuerliche, ökologische Landwirtschaft beispielsweise ist möglicherweise aufwendiger, aber erwiesenermaßen resilienter als die heutzutage so genannte konventionelle. Wie immer geht es auch hier um ein Gleichgewicht, um eine Mitte zwischen Resilienz und Effizienz. Im erwähnten Bericht des Club of Rome wird diese Mitte als „Fenster der Lebensfähigkeit“ bezeichnet.

Es ist allerdings nicht einfach, die Mitte zwischen dem holistischen und analytischen Erfassen der Welt, zwischen Resilienz und Effizienz zu finden und zu halten. Tatsächlich liegt genau darin die entscheidende Herausforderung, wenn es um einen sinnvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen geht. Auch die Erzeugung, die Verarbeitung und der Handel mit Lebensmitteln ereignen sich ja in einem riesigen globalen Markt, der aufgrund kapitalistischer Interessen gelenkt wird. Effizienz ist gefordert, denn dadurch lassen sich die Produktionsmengen steigern und die direkten Kosten senken.

 

Der Umsatzwert vom globalen Lebensmittelmarkt liegt derzeit bei 8,61 Billionen USD (bei einem jährlichen Wachstum von 6 Prozent), was in etwa einer Vervierfachung vom landwirtschaftlichen Produktionswert entspricht. Der Anteil von Biolebensmitteln (inklusive der biodynamischen) darin liegt bei 231 Milliarden USD (2,68 Prozent). In Deutschland sprechen wir beim Lebensmittelmarkt von einem Umsatzvolumen von 250 Milliarden EURO, worin mit einem kleinen Anteil auch die biologisch (17 Milliarden = 6,6 Prozent) und biodynamisch (1 Milliarde = 0,4 Prozent) angebauten Lebensmittel enthalten sind. Sowohl im Weltmarkt wie auch in Deutschland stammen die allermeisten Lebensmittel also aus konventionellem, nicht ökologischem Anbau. Das ist die augenblickliche Situation, mit der wir umzugehen haben und von der aus wir als Menschheit unsere Zukunft gestalten.

 

Umdenken im Anthropozän

 

Es ist ausgesprochen genial und hilfreich, was wir für uns Menschen als Lebenswelt geschaffen haben. Kein vernünftiger Mensch würde das bezweifeln. Gleichwohl funktioniert diese unsere Menschenwelt aufgrund einer Systematik, die sich von derjenigen unserer natürlichen Mitwelt gravierend unterscheidet. So gilt beispielsweise für die allgemein vorherrschende kapitalistische Wirtschaft das Primat des notwendigen dauernden Wachstums. Weil unser Geldsystem auf verzinsten Schulden beruht, wirkt die Kapitalrendite auf das wirtschaftliche Wachstum treibend. Damit wird zugleich der Mechanismus der Umverteilung von Arm zu Reich in Gang gehalten, der die Menschheit in die allergrößte Not zu treiben droht. In einer begrenzten Welt kann es ja kein unbegrenztes Wachstum geben!

 

Der norwegische Philosoph Arne Naess, der 1972 den Begriff „Tiefenökologie“ geprägt hat, betonte, dass gerade in der ökologischen Krise die Chance liegt, ein neues, eben tiefenökologisches Weltbild zu entwickeln. Dadurch ergibt sich zugleich ein neues Verständnis vom Sinn des Lebens: „Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht neu, die stellt sich jeder von Zeit zu Zeit. Neu ist der Ansatz, diese tiefen Fragen im Zusammenhang mit der ökologischen Krise zu stellen. Das ist etwas komplett neues und überraschendes. Und es wird einige Zeit dauern, bis jeder begreift, dass diese Fragen kaum weniger wichtig und kaum weniger persönlich sind, als die Frage, ob wir heiraten wollen und ob wir Kinder in die Welt setzen wollen.“

 

Die „tiefen Fragen im Zusammenhang mit der ökologischen Krise“ richten sich auf zweierlei, nämlich auf die tatsächlich eingetretene und mithin vorgefundene Lage der Welt und zugleich auf jene innere Erwartung, aus der heraus der Mensch am Leben teilnimmt. Dabei fällt auf, dass beide Welten, die äußere und die innere, immer weiter auseinander driften. In dem so entstehenden Zwischenraum regt sich das Gewissen. Es vermittelt einen Eindruck von den Folgen menschlichen Handelns, der unvermittelt eintreten und ziemlich bedrückend sein kann, denn die Folgen menschlichen Handelns sind mittlerweile in manchen Bereichen unumkehrbar. Demgegenüber gilt es standzuhalten, und es gilt zu ertragen, dass die Weltverhältnisse nicht mehr vollständig mit den eigenen Idealen übereinstimmen. Von dieser Erfahrung aus kann jede:r nach einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen Resilienz und Effizienz suchen. Gelingt das, finden wir im „Fenster der Lebensfähigkeit“ zu Lösungen, die wir uns gerade unter den Vorzeichen der ökologischen Krise vorzustellen beginnen. Das ist die Chance!